Die Homogenisierung der Klima-Berichterstattung ist ein Problem

Am 27. September 2013 um kurz nach 10 Uhr morgens geschah etwas Besonderes im Brewery Conference Centre in Stockholm. Während Klimaforscher des UN-Klimarates IPCC den neuen UN-Klimareport vorstellten, meldete sich überraschend ein Journalist mit einer kritischen Frage – ein Ereignis, das auf Pressekonferenzen von Klimaforschern kaum einmal zu erleben ist. Der Reporter einer britischen Zeitung wollte wissen, warum nahezu sämtliche Computersimulationen das Stocken des globalen Temperaturanstiegs in den vorherigen 15 Jahren nicht abgebildet hätten. Die Antwort des Chefs der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) fiel ungeübt aus: „Ihre Frage ist falsch gestellt“, rüffelte er arrogant den Reporter, ohne dessen Frage zu beantworten.

Die Frage auf der Pressekonferenz in Stockholm sei zu Unrecht abgewiesen worden, resümierten zwar Medienforscher zwei Jahre später im Fachblatt „Nature Climate Change“ – Klimaforscher sollten ihre Unsicherheiten deutlicher hervorheben, rügten sie in ihrer Studie und warnten: Die Ratgebersprache der Wissenschaftler gegenüber der Öffentlichkeit verführe zu Übertreibungen. Die Mahnung verpuffte. Auf Pressekonferenzen von Klimatagungen zeigen Veranstalter zur Einstimmung weiterhin Filme von Wetterkatastrophen.

Unangreifbare Wissenschaftler

Journalisten würden von Klimaforschern als „willfährige Sekretäre betrachtet, die aufschreiben und massentauglich zu drucken haben“, hat ein Ethnologe beobachtet, der die Klimadebatte seit langem analysiert. Auf Widerstand stoßen Wissenschaftler selten, sie gelten unter den meisten Journalisten als sakrosankt, nehmen die unangreifbare Position ein, die früher Ärzte oder Priester innehatten.

Beim Klimawandel erfährt diese Haltung ihre deutlichste Ausprägung. Das ist wenig überraschend, haben doch Klimaforscher vor 23 Jahren eine überzeugende und beängstigende Diagnose präsentiert: Der Mensch wärmt mit seinen Abgasen das Klima. Die Belege dafür sind vielfältig, gefährliche Folgen der Erwärmung sind messbar: Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Hitzewellen werden häufiger. Eine weitere globale Erwärmung von mehreren Grad birgt massive Risiken, das Thema findet sich zurecht zuoberst auf der Agenda der Vereinten Nationen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich in den meisten Fällen nicht bestimmen lässt, wie wahrscheinlich die Risiken sind. Auch robuste Klimaszenarien für einzelne Regionen sind bislang nicht möglich, und Extremwetterphänomene zeigen häufig noch keinen Trend. Dem braven Umweltjournalismus gegenüber steht also ein hochkomplexer Wissenschaftszweig mit Tausenden multikausalen Wechselwirkungen, mit Widersprüchen und Wissenslücken.

Hohe Risiken, große Unsicherheiten

Bei der Klimatologie handelte es sich um „postnormale Wissenschaft“ haben die Wissenschaftsphilosophen Silvio Funtowicz and Jerome Ravetz bereits 1991 festgestellt – hohe Risiken fallen zusammen mit großen Unsicherheiten. Um sich auf den Klimawandel sinnvoll vorbereiten zu können, müssten Bürger erfahren, was die Wissenschaft drüber weiß. Doch hier wird es problematisch.

Die Komplexität des Klimawandels darzustellen, kann Journalisten in die Ecke der „Klimaleugner“ manövrieren, das ist jene häufig politisch motivierte Gruppe, die Risiken des Klimawandels herunterspielt, dem Stand der Forschung widersprechend. Folge des Ausgrenzungsdrucks ist eine beachtliche Homogenisierung der Berichterstattung zum Klimawandel. Diese Woche erreicht sie einen neuen Höhepunkt. Medien aus aller Welt, darunter „taz“, „stern“ und „Spiegel“ haben sich der Initiative „Covering Climate Now“ angeschlossen, die anlässlich des bevorstehenden UN-Klimagipfels am 23. September „die Berichterstattung über die Folgen der Klimakrise maximieren soll“. Auch viele andere großen Medien in Europa und Nordamerika, die nicht an der Kampagne beteiligt sind, haben für Klimawandel-Schlagzeilen dieser Tage ihre Titelseiten freigeräumt. Munter werden Umweltprobleme aller Art mit oft unklarem Klimawandelzusammenhang gemischt mit Appellen zum Klimaschutz. Fast wirkt es, als hätten Umweltverbände die Massenmedien übernommen.

Das Thema Klima scheint der Sphäre der Wissenschaft weitgehend entschwunden, was angesichts von Umfrageergebnissen unter Journalisten nicht überrascht: Bei einer Befragung von 2014 beispielsweise gaben zwei Drittel der Befragten an, sie wollten mit ihrer Berichterstattung die Notwendigkeit ökologischer Reformen in Politik und Wirtschaft hervorheben – Überzeugungsarbeit also, statt „sagen, was ist“. Die Mehrheit wollte laut Umfrage eher über Risiken statt über Unsicherheiten des Klimathemas informieren. Zwar haben Medienforscher ermittelt, dass Dramatisierung das Vorhaben konterkariert, Menschen aufrütteln zu wollen – je gravierender der Klimawandel dargestellt werde, desto eher würden sich Leute von dem Thema abwenden. Immer neue Horrorszenarien schaden demnach dem Klimaschutz.

Vermittler als Verräter

Doch Genauigkeit in der Berichterstattung fällt schwer, weil es längst um einen Lagerkampf von „Gut gegen Böse“ geht. Journalisten, die nicht ausdrücklich die Absicht zur Warnung vor dem Klimawandel demonstrieren, sind verdächtig, auf der falschen Seite zu stehen. Der britische Regierungsberater Nicholas Stern gab den Ton vor, als er 2006 Gegner seiner hochambitionierten Klima-Agenda zur „Forces of Darkness“ erklärte.

Und das andere Lager handelt mit ähnlichem Korpsgeist: Die Verschweiger der Risiken des Klimawandels – häufig „Klimaleugner“ genannt – sehen sich als aufrechte Kämpfer gegen eine korrumpierte Wissenschaft.

Vermittler zwischen den Lagern gelten als Verräter, sie werden kurzerhand einer Seite zugerechnet: Weniger Waldbrand? Wer das korrekt feststellt, muss Klimaleugner sein, also Risiken-Verschweiger. Gefährlicher Meeresspiegelanstieg? Wer das korrekt feststellt, muss Alarmist sein, also Unsicherheiten-Verschweiger.

Gut gegen Böse

Moralisierung politischer Konflikte hat den Vorteil, dass sie die Auseinandersetzung erspart – mit dem Bösen redet man nicht, über das Gute lässt sich nicht verhandeln. Soziologen sprechen von der „Noble Cause Corruption“, wenn für die Überzeugung von als wichtig empfundenen Zielen Dinge verschwiegen werden, die die eigene Argumentation schwächen könnten. Ob es um die Bewahrung des Vaterlandes in Kriegszeiten oder um den Schutz der Umwelt in Klimawandelzeiten geht – stets glaubt eine Mehrheit von Journalisten, aus noblem Grund die Berichterstattung korrumpieren zu müssen. Was die Berichte dann sicher nicht liefern: ein Abbild der Wirklichkeit.

Verschärfend kommt hinzu, dass Medien sich eher nicht an der Wissenschaft orientieren, sondern an anderen Medien. Das „Insider-Syndrom“ sorgt dafür, dass omnipräsente Fehler kaum problematisiert werden, weil sie Redaktionen nicht unter Rechtfertigungsdruck setzen. Korrekturwünsche aus der Wissenschaft erreichen die Redaktionen selten wegen sachlicher Fehler, sondern eigentlich nur, wenn Wissenschaftler sich aufgrund eines Berichts in nachteiliges Licht gerückt wähnen. Hingegen können korrekte Berichte am Pranger landen, sofern die Mehrheit der Medien in betreffender Sache falsch berichtet, das Korrekte deshalb als rechtfertigungsbedürftig erscheint.

Forscher mit Sendungsbewusstsein

Die Klimaforschung selbst erschwert die Wahrheitsfindung für Nichteingeweihte, denn die meisten Wissenschaftler halten sich fern von der öffentlichen Debatte. Der Publizistikforscher Mike Schäfer hat diesen Tatbestand empirisch für die Schweiz belegt: Seinen Zählungen zufolge sind es immer dieselben wenigen Wissenschaftler, die in den Massenmedien vorkommen. Die überwältigende Mehrheit der Professoren, rund 96 Prozent, erhält so gut wie keine Medienaufmerksamkeit. Ihre Abwesenheit sorgt für Verzerrung, denn in die Öffentlichkeit drängen nicht unbedingt jene Gelehrten mit ausgleichendem Gemüt. Vielmehr sind es oft Forscher mit Sendungsbewusstsein oder Karriereinstinkt, die mit starken Thesen den Opportunismus der Journalisten füttern.

Diese „Media Scientists“, man könnte sie auch „Spin-Doktoren” nennen, sind die heimlichen Herrscher der Klimadebatte. Ihre Autorität ziehen sie aus ihrem Status als Wissenschaftler, der ihren Thesen Glaubwürdigkeit sichert. Weil auch Wissenschaftler aber weder interessenlos noch fehlerlos sind, gelangt über die Media Scientists nicht selten ein Spin in die Massenmedien, der den Stand der Wissenschaft verzerrt. Besonders häufiges Phänomen ist selektives Zitieren: Die Media Scientists sagen wenig Falsches, lassen jedoch Fakten außen vor, die ihre These nicht stützen.

Unterschiedliche Thesen von Wissenschaftlern kritisch abzuwägen – das wäre eigentlich Aufgabe von Journalisten. Nur wenn wissenschaftliche Daten weder verfälscht noch verleugnet werden, wird sich die Gesellschaft vernünftig auf den Klimawandel vorbereiten können.

Dieser Artikel ist zuerst hier erschienen.

Der Autor

Axel Bojanowski verfolgt die Klimadebatte seit 1994, seit 1997 als Wissenschaftsjournalist. Der Diplom-Geologe (Diplom über Klimaforschung) war bis vor kurzem Wissenschaftsredakteur bei „Spiegel Online“; zum 1. Oktober wird er Chefredakteur von „Bild der Wissenschaft“ und „Natur“. Er schrieb den „Klimajournalisten-Blues“ und twittert unter @Axel_Bojanowski

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Ein Gedanke zu „Die Homogenisierung der Klima-Berichterstattung ist ein Problem“

  1. Wirtschaftspolitisch musste hier freilich gegengesteuert werden. Die Komplexitat der Probleme macht deutlich, dass eine alleinige Aufwertung der Wettbewerbspolitik nicht ausreichend sein wird, wobei dies sicherlich ein zentrales Element jeder progressiven politischen Reaktion sein muss. Damit zusammenhangend ist vor allem auch eine bessere Datenlage einzufordern, die ein umfassendes Monitoring der Entwicklung der Wettbewerbsintensitat ermoglicht sollte. Die regelma?ige Berichterstattung der deutschen Monopolkommission („Stand und Entwicklung der Unternehmenskonzentration in Deutschland“) kann hier als Vorbild dienen. In einem weiteren Sinne sind aber alle strukturpolitischen aber zum Teil auch geld- und fiskalpolitischen Ma?nahmen relevante Determinanten der Machtverhaltnisse in Wirtschaft und Gesellschaft. Beispielsweise kann eine Geldpolitik, die sich einseitig an einem (sehr niedrigen) Inflationsziel orientiert, dafur sorgen, dass Vollbeschaftigungsperioden kurzer und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer dadurch reduziert wird. Die erwahnten Steuerpraktiken von MNU sowie Steuerdifferenziale zwischen digitalen und traditionellen Unternehmen (vgl. die Reformdiskussion unter dem Stichwort „digitale Betriebsstatte“) sind letztlich das Resultat von steuer- und damit fiskalpolitischen Entscheidungen. Ebenfalls grundsatzlich ist der Umgang der Politik mit Unternehmen zu uberdenken. Auf der einen Seite braucht die Politik die Unternehmen um deren Informationen fur eine effiziente Politikgestaltung zu nutzen; auf der anderen Seite versuchen Manager uber direkte Kontakte mit politischen Entscheidungstragern Einfluss zu ihren Gunsten und auf Kosten der Allgemeinheit auszuuben. Hier gilt es Institutionen zu schaffen, die letzteres zuruckdrangen und ersteres begunstigen.

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